Die Linke Literaturmesse ist eine lebendige Tradition, die trotz Herausforderungen weiter wächst. Wir haben mit den Akteurinnen und Akteuren gesprochen.
30 Jahre Linke Literaturmesse Nürnberg – Ein Ort zum Entdecken, Streiten und Weiterdenken
Ein Beitrag von Minh Anh Nguyen
Seit drei Jahrzehnten bietet die Linke Literaturmesse in Nürnberg einen Raum, in dem Verlage, Autorinnen und Autoren und politisch Interessierte zusammenkommen, um über gesellschaftliche Fragen zu diskutieren, neue Bücher zu entdecken und linke Perspektiven sichtbar zu machen. Was klein begann, ist heute eine der zentralen Veranstaltungen für linke Buchkultur in Süddeutschland – und für viele Verlage ein jährliches Highlight.
Paul und Ulrike aus dem Organisationsteam blicken auf eine lange Geschichte zurück. Als Ulrike 1996 einstieg, war die Messe noch deutlich überschaubarer – acht bis zehn Veranstaltungen, wenige Räume, alles noch enger vernetzt. „Jetzt sind wir bei 60 Veranstaltungen“, sagt Paul. Die Messe hat sich mehrfach verändert, Umbauten, Zwischenstationen während der Corona-Jahre, ein stetiger Ausbau des Angebots.
Die Auswahl des Programms orientiert sich dabei an zwei Leitlinien: den Neuerscheinungen der Verlage und den politischen Themen der Zeit. „Wir wollen eine spektrenübergreifende Breite erreichen“, erklärt Ulrike. „Internationalismus, Feminismus, Rassismus, Antikapitalismus – alles, was in der Linken diskutiert wird, soll hier Platz finden.“ Und dazu gehört auch, unterschiedliche politische Strömungen einzubinden: von kommunistischen über anarchistische Gruppen bis hin zu unabhängigen linken Verlagen.
„Mehr als die Messe selbst zu stemmen, wäre einfach nicht drin“
Die Messe versteht sich als süddeutscher Treffpunkt, betont das Organisationsteam. Anders als im Norden oder Westen der Republik gebe es hier keine dichte Landschaft linker Buchläden.
Mittlerweile nehmen mehr als 50 Verlage an der Messe teil. Eigentlich war sie als wandernde Buchmesse angedacht, doch nachdem sie 1996 erstmals in Nürnberg stattfand, blieb sie in der Frankenmetropole, berichtet die Wochenzeitung unsere zeit (UZ). Zunächst hatte ein kleiner Kreis linker Aktivistinnen und Aktivisten das Projekt ins Leben gerufen, um linke Positionen und Publikationen im fränkischen Raum präsenter zu machen. Heute jedoch steht noch viel mehr der Gesprächsraum im Fokus. Denn die Messe schafft einen Ort, an dem man Bücher „wirklich anfassen“, Autorinnen und Autoren sprechen und Diskussionen direkt erleben kann.
Trotz ihres 30-jährigen Jubiläums fiel das Feiern bescheiden aus. „Wir sind ein ehrenamtliches Projekt ohne staatliche Zuschüsse“, sagt Ulrike. „Mehr als die Messe selbst zu stemmen, wäre einfach nicht drin gewesen.“
Verlage zwischen Kontinuität und Veränderung
Auch für Verlage ist die Literaturmesse ein fester Punkt im Kalender. Der PapyRossa Verlag aus Köln ist seit rund 15 Jahren dabei. „Es gibt ein großes Bedürfnis nach politischen Büchern“, sagt der Verlagsvertreter. Und in Nürnberg treffe man dafür genau das richtige Publikum.
Viele Verlage nutzen die Messe, um neue Titel vorzustellen, Diskussionen zu führen und den direkten Austausch zu suchen – etwas, das im regulären Buchhandel oft fehlt. Hier kommen Menschen zusammen, die politisches Sachbuch bewusst suchen. „Romane findet man hier seltener“, sagt er. „Es ist eine Messe mit dezidiert politischem Anspruch.“
Die Herausforderungen des Markts spürt auch PapyRossa: Die viel zitierte Krise im Buchhandel, weniger Lesezeit, ein Trend zu kürzeren Büchern. Und dennoch: Politische Themen – Krieg und Frieden, internationale Ordnung, Medienkritik – bleiben gefragt. Der Verlag empfiehlt aus seinem diesjährigen Katalog deswegen: Weltordnung und Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt.
Zwischen Entdeckerfreude und Nischenarbeit
Gunnar Schedel, Geschäftsführer des Alibri Verlags, kennt die Messe ebenfalls seit vielen Jahren und beobachtet ihre Veränderungen. „Früher war es eine viel kleinere Veranstaltung, stärker innerhalb der Linken wahrgenommen“, erinnert er sich. Heute sei sie eine etablierte Kulturveranstaltung in Nürnberg – mit breiterem Spektrum: politische Sachbücher, Kinderbücher, Comics, Randständiges.
Den größten Unterschied zu klassischen Buchmessen sieht Schedel im Publikum: „In Frankfurt ist Identisierung durchgeschlagen. Hier kommen Leute, die wirklich suchen. Die entdecken wollen. Die mit dir als Verleger reden.“ Für kleine Verlage sei dieser direkte Austausch essenziell – und ein großer Vorteil gegenüber den anonymen Strukturen großer Buchmärkte.
Auch die inhaltliche Arbeit unterscheidet sich: Kleine politische Verlage müssen Nischen präzise bedienen und ihr Publikum gezielt ansprechen. „Unabhängigkeit ist ein riesiger Vorteil“, sagt Schedel. „Wir entscheiden selbst, was wir verlegen. Das ist fast ein Privileg.“
Sein persönliches Highlight dieses Jahres: Dissident Club, eine Graphic Novel über einen pakistanischen Journalisten, der sich gegen religiösen Fundamentalismus, staatliche Repression und patriarchale Strukturen behaupten muss. Eine Geschichte, die zugleich politisch wie literarisch überzeugt.
Was bedeutet Publizieren für ihn? „Gesellschaft verändern wollen.“
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